Persönlichkeit des Monats – September 2026

Marjane Satrapi: Mit ihren Comics veränderte sie den Blick auf Iran

Es gibt viele Frauen, die es auf ganz unterschiedlichen Gebieten weit gebracht haben. Dazu brauchte es Durchhaltevermögen und Stärke. Frauen, die sich entgegen allen Widerständen in Politik, Kunst und Wirtschaft einen Namen gemacht haben, schaffen damit neue Tatsachen des Möglichen.

ADIUVA

01.09.2026 · 6 Min Lesezeit

Lebenslauf

Datum/JahrEreignis
22.1.1969Geboren in Rascht, Iran
19841988Besuch eines französischen Gymnasiums in Wien
Ab 1988Studium der visuellen Kommunikation an der Islamischen Azad-Universität in Teheran
1994Emigration nach Frankreich
1996Heirat von Mattias Ripa
2000Erscheinen des ersten Bandes von „Persepolis“
2001Erscheinen des zweiten Bandes von „Persepolis“
2002Erscheinen des dritten Bandes von „Persepolis“
2003Erscheinen des vierten Bandes von „Persepolis“
2004Erscheinen von „Poulet aux prunes“ („Huhn mit Pflaumen“)
Auszeichnung für „Persepolis“ als „Comic des Jahres“ auf der Frankfurter Buchmesse
2006Erhalt der französischen Staatsbürgerschaft
2007Verfilmung von „Persepolis“
2008Oscar-Nominierung als bester Animationsfilm für „Persepolis“
2011Verfilmung von „Poulet aux prunes“ („Huhn mit Pflaumen“)
2023Anführerin einer Protestaktion vor der iranischen Botschaft in Paris
Herausgeberin von „Femme vie liberté“ („Frau, Leben, Freiheit“)
2024Verleihung des „Verdienstordens der Ehrenlegion“
Wahl in die „Académie des Beaux-Arts“
2025Ablehnung des „Verdienstordens der Ehrenlegion“
Tod ihres Ehemannes
04.06.2026Gestorben in Paris


Dass Lebenslust unter einer Terrorherrschaft nicht verloren gehen muss, zeigen die Comics von Marjane Satrapi. Die Zeichnerin wuchs im Iran auf und erzählt in ihrem Werk „Persepolis“ humorvoll von ihrem Alltag in den Revolutionsjahren um 1979. Der westlichen Welt eröffnete sie so eine neue Perspektive auf die Menschen im Iran.

Aufgewachsen in kosmopolitischen, linken Familie

Geboren wurde Marjane Satrapi am 22. November 1969 im iranischen Rascht, aufgewachsen ist sie in Teheran. Ihr Vater war Ingenieur, ihre Mutter Modedesignerin; beide gehörten dem kosmopolitischen, linken Milieu an.

Marjane Satrapi bekam als Mädchen den Sturz des Schahs und die Jahre rund um die Islamische Revolution 1979 im Iran mit. Sie erlebte den Umsturz, die Straßenkämpfe, die Hinrichtungen von Oppositionellen sowie Repräsentanten der früheren Regierung und die neue Regierung, die ihre Herrschaft mit Gewalt durchsetzte.

Freches, aufgeschlossenes Mädchen

All diese Geschehnisse zeigt sie in ihren Comics – aber auch die andere Seite ihres Alltags: Sie war ein aufgeschlossenes und auch freches Mädchen, das trotz der Schrecken um es herum lebensfroh und witzig war. Sie kaufte Kim-Wilde-Kassetten auf dem Schwarzmarkt, ging in engen Leggings joggen und lebte ein „normales“ Teeanger-Leben.

Sie legte sich so manches Mal mit der Sittenpolizei an; auch solche Szenen finden sich in ihren Comics: So fand ein Wächter ihre engen Sporthosen unanständig und sagte: „Ich kann deinen Hintern sehen.“ Die junge Marjane erwiderte darauf: „Na, dann schau mir verdammt noch mal nicht auf den Hintern, sondern sieh woanders hin. Was fällt dir eigentlich ein!“ „Was soll man denn da sonst drauf antworten“, sagte Marjane Satrapi viele Jahre später in einem Interview, als sie auf diese Szene angesprochen wurde.

Eltern protestierten, Onkel wurde hingerichtet

Ihre Eltern waren offene Kritiker des neuen Regimes und beteiligten sich beispielsweise 1983 an den Protesten gegen die Verhängung des Hijabs für Frauen mit. Ihr Vater war damals einer von wenigen Männern, die an den Protesten teilnahmen. „Sie [die meisten Männer] verstanden damals nicht, dass die Rechte von Frauen die Rechte der Gesellschaft sind“, sagte Marjane Satrapi später über ihren Vater.

Einer von Marjane Satrapis Onkeln wurde sogar als angeblicher sowjetischer Spion verhaftet und anschließend hingerichtet. 1984 schickten ihre Eltern sie schließlich ins Exil, um sie vor den Auswirkungen der Islamischen Revolution und dem Terror des Regimes zu schützen. Marjane Satrapi ging allein nach Wien und besuchte dort, wie bereits zuvor in Teheran, ein französisches Gymnasium.

Studium in Teheran

Nach dem Abitur kehrte sie jedoch zurück, zu groß war ihr Heimweh. Sie studierte an der Islamischen Azad-Universität visuelle Kommunikation und schloss ihr Studium mit einem Mastertitel ab.

Während ihres Studiums heiratete Marjane Satrapi, die Ehe wurde allerdings nach kurzer Zeit wieder geschieden.

Auf Drängen ihrer Eltern verließ Majane Satrapi 1994 Iran wieder und ging nach Frankreich. Sie zog zunächst nach Straßburg und setzte ihre Ausbildung an der Haute School Arts Du Rhin fort. Kurz darauf ging sie nach Paris und heiratete 1996 den schwedischen Schauspieler und Produzenten Mattias Ripa. Zehn Jahre später erhielt sie die französische Staatsbürgerschaft.

„Persepolis“ erschien in vier Bänden

Im Jahr 2000 veröffentlichte sie den ersten Band ihrer „Persepolis“-Comics; 2001 erschien der zweite, 2002 der dritte und 2003 der vierte und letzte Band. In dieser Comic-Reihe schildert die Zeichnerin in schwarz-weißen Einzelbildern autobiografisch ihre Kindheit und Jugend im Iran.

Die Hauptfigur ist das Mädchen Marjane, ihr Alter Ego. Die Autorin schildert auf humorvolle und ironische Weise alltägliche Szenen, die von den Menschen im Iran erzählen und von ihrem Leben, das zwar von der Islamischen Revolution geprägt ist, aber eben nicht nur. Marjane Satrapi ging es mit ihren Comics darum, dass die Iraner*innen „als Mensch wahrgenommen […] werden und nicht nur als Teil dieser Achse des Bösen, dieser Fanatiker. Denn die Regierung repräsentiert uns nicht.“

2004 wurde „Persepolis“ auf der Frankfurter Buchmesse als „Comic des Jahres“ ausgezeichnet. 2007 wurden die Comics verfilmt und im Jahr darauf sogar als bester Animationsfilm für den „Oscar“ nominiert.

Von der Zeichnerin zur Regisseurin

Mit „Poulet aux prunes“ („Huhn mit Pflaume“) veröffentlichte Marjane Satrapi 2004 ihren letzten Comic. Sie gab das Zeichnen daraufhin auf und widmete sich anderen Erzählformen: Sie drehte unter anderem noch mehrere Filme.

Auch „Poulet aux prunes“ wurde verfilmt und kam 2011 in die Kinos. Ein weiterer bekannter Film von Marjane Satrapi ist „Radioactive“ aus dem Jahr 2020, der von Marie Curie erzählt.

Zu Marie Curie hatte die Zeichnerin und Regisseurin eine persönliche Beziehung, wie sie in einem Interview sagte: „Ich bin mit der Geschichte von Marie Curie aufgewachsen. Das Ziel meiner Mutter war, mich zu einer unabhängigen Frau zu erziehen. Sie sorgte dafür, dass Marie Curie und Simone de Beauvoir zu meinen Vorbildern wurden. Offensichtlich bin ich weder Philosophin noch Wissenschaftlerin geworden, doch ich wurde eine unabhängige Frau. Marie Curie nahm immer eine wichtige Rolle in meinem Leben ein.“

Comic-Band als Reaktion auf Tod von Mahsa Amini

2023 setzte sich Marjane Satrapi dann doch noch einmal ans Zeichenbrett: Sie gab den Comic-Band „Femme vie liberté“ („Frau, Leben, Freiheit“) heraus und gestaltete dafür das Cover sowie eine Doppelseite über die iranischen Revolutionsgarden.

17 weitere iranische und internationale Comiczeichner*innen arbeiteten an dem Werk mit und erzählen die Geschichte des Todes von Mahsa Amini. Die 22-jährige Studentin war 2022 verhaftet worden, weil sie angeblich ihr Kopftuch nicht ordnungsgemäß getragen hatte. In der Haft wurde Mahsa Amini so stark verletzt, dass sie wenige Tage später starb.

Botschaft an das iranische Volk

„Femme vie liberté“ beschreibt die Proteste der Menschen im Iran und das brutale Vorgehen des Regimes, ehrt die Getöteten und erzählt vom Widerstand der jungen Generation, die sich Freiheit und Gleichberechtigung wünscht. „Dieses Buch ist eine Botschaft an das iranische Volk: Hört zu, ihr seid nicht allein“, beschrieb Marjane Satrapi den Comic-Band.

Über die Situation in ihrem Heimatland Iran und den Widerstand der Bevölkerung sagte sie: „Es ist keine Revolte, keine Bewegung, es ist eine echte Revolution. Ich habe es schon oft gesagt, und niemand bestreitet das: Ich denke, es ist die erste wirklich feministische Revolution, und sie wird von Männern unterstützt.“

Sie selbst führte in Paris eine Protestaktion vor der iranischen Botschaft an.

Verdienstorden aus Protest abgelehnt

2024 erhielt sie Frankreichs höchste staatliche Auszeichnung, den „Verdienstorden der Ehrenlegion“. Wenige Monate später, Anfang 2025, teilte Marjane Satrapi jedoch mit, dass sie den Verdienstorden ablehnt. Damit wollte sie gegen „die scheinheilige Haltung Frankreichs dem Iran gegenüber“ protestieren.

„Die Revolution der Frauen im Iran zu unterstützen, kann sich nicht darauf beschränken, Fotos mit Opfern oder Prominenten bei den Gedenkfeiern zum Tod von Mahsa Amini zu machen“, sagte sie. „Die Iraner brauchen keine Kommunikation, wir brauchen konkrete Taten.“

Ein Jahr nach ihrem Ehemann gestorben

Wenige Monate später, im Frühjahr 2025, starb ihr Ehemann Mattias Ripa. Ein gutes Jahr später fand auch Marjane Satrapis Leben ein Ende: Sie starb am 4. Juni 2026 in Paris. Aus ihrem Umfeld hieß es, sie sei an „Traurigkeit ungefähr ein Jahr nach dem Tod von Mattias Ripa, der Liebe ihres Lebens“, gestorben.

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