Persönlichkeit des Monats – August 2026

Klementyna Suchanow: Anführerin des Frauenstreiks in Polen

Es gibt viele Frauen, die es auf ganz unterschiedlichen Gebieten weit gebracht haben. Dazu brauchte es Durchhaltevermögen und Stärke. Frauen, die sich entgegen allen Widerständen in Politik, Kunst und Wirtschaft einen Namen gemacht haben, schaffen damit neue Tatsachen des Möglichen.

ADIUVA

01.08.2026 · 5 Min Lesezeit

Lebenslauf

Datum/JahrEreignis
1974Geboren in Kamienna Góra, Polen
2003Promotion in Literaturwissenschaften an der Universität Wrocław
2013Veröffentlichung ihrer Reportage „Die Königin der Karibik“ über die kubanische Revolution
2016Initiierung des „Frauenstreiks“ in Polen
2017Veröffentlichung der Biografie „Gombrowicz. Ich, das Genie“
2018Festnahme durch die Polizei
2020Erscheinen des Buches „Das ist Krieg – Die geheimen Strategien radikaler Fundamentalisten zur weltweiten Abschaffung der Menschenrechte“
2021Festnahme durch die Polizei
Rede beim „Generation Equality Forum“ in Paris bei den Vereinten Nationen
Auszeichnung mit dem „Polcul-Preis“
2026Auszeichnung mit dem „Dresdener Friedenspreis“


In ihrem Heimatland brachte sie Hundertausende Menschen auf die Straße, um gegen die rechtskonservative Regierung und deren Verschärfung des Abtreibungsgesetzes zu demonstrieren. In ihrem Buch „Das ist Krieg“ zeigt sie, wie konservative Gruppen weltweit versuchen, die Rechte von Frauen einzuschränken. Für dieses Engagement wurde die polnische Journalistin Klementyna Suchanow mit dem renommierten „Dresdener Friedenspreis“ ausgezeichnet.

Geboren in Kamienna Góra, promoviert an der Universität Wrocław

Klementyna Suchanow kam am 26. Februar 1974 in Kamienna Góra zur Welt und wuchs in Chełmsko Śląskie und Wałbrzych auf. Sie in Wodzisław Śląski zur Schule und studierte anschließend an der Universität Wrocław Polonistik und Hispanistik. 2003 promovierte sie in Literaturwissenschaften.

Klementyna Suchanow arbeitete eine Zeit lang als Lektorin im Verlag „Znak“, veröffentlichte alsbald aber eigene Artikel, Reportagen und Bücher. Sie forschte beispielsweise zu Leben und Werk des polnischen Schriftstellers Witold Gombrowicz, zur Geschichte und Literatur Lateinamerikas und zu Aktivitäten und Netzwerken traditionalistisch-konservativer Organisationen.

2013 erschien ihre Reportage „Die Königin der Karibik“ über die kubanische Revolution, 2017 ihre Biografie „Gombrowicz. Ich, das Genie“.

Investigatives Buch „Das ist Krieg“

Über die konservativen Netzwerke veröffentlichte sie zunächst mehrere Artikel. 2020 erschien ihr Buch „Das ist Krieg – Die geheimen Strategien radikaler Fundamentalisten zur weltweiten Abschaffung der Menschenrechte“. Hierin beschreibt sie die Verbindungen und gesellschaftlichen Auswirkungen, die das internationale Netzwerk der traditionalistisch-konservativen Organisationen hat.

Sie untersuchte dafür insbesondere Organisationen in Europa, den USA und Lateinamerika und deren Verbindungen zum Kreml und zeigt, wie diese Gruppen die Rechte von Frauen und Minderheiten einschränken wollen.

Liberale Demokratien zerstören

„Eine seltsame Sache, die überall passiert: Frauen werden angegriffen. Gleichzeitig fühlen sie sich verloren, weil sie nicht vom Staat beschützt werden, sondern vom Staat selbst angegriffen werden“, schreibt Klementyna Suchanow.

Ziel der frauen- und fremdenfeindlichen Netzwerke sei es, liberale Demokratien zu zerstören. „All die Angriffe auf die Justiz und Wahlen zielen letztlich darauf ab, das System in die Anarchie zu stürzen und die Europäische Union zu zerschlagen“, erklärt Klementyna Suchanow.

Bekannt geworden als Aktivistin

Der breiten Öffentlichkeit wurde die Journalistin bereits 2016 bekannt, nämlich als Aktivistin. Im Jahr zuvor hatte die nationalistische-konservative Partei PiS die Regierung in Polen übernommen und plante, das ohnehin schon strikte Abtreibungsrecht noch weiter zu verschärfen.

„Sie wollen, dass wir denken, dass es um Religion und moralische Werte geht, aber in Wirklichkeit geht es nur um Macht“, beschreibt Klementyna Suchanow, was aus ihrer Sicht hinter der Verschärfung des Abtreibungsrechts steckt. Es gehe den Konservativen darum, die eigene Macht zu festigen und Frauenrechte einzuschränken.

Gesicht des „polnischen Frauenstreiks“

Klementyna Suchanow wurde daraufhin Mitbegründerin und Anführerin der Bewegung „Ogólnopolski Strajk Kobiet“, zu Deutsch: „Allpolnischer Frauenstreik“. 2016 rief die Bewegung landesweit einen Frauenstreik aus, weitere Massenproteste folgten 2017. Bei den Protesten ging es nicht nur um das Abtreibungsrecht, sondern auch darum, für Frauen- und Menschenrechte, für die Unabhängigkeit der Justiz und für die Versammlungsfreiheit einzustehen.

Tatsächlich gelang es Klementyna Suchanow und ihrer Bewegung, die Pläne der Regierung zu vereiteln. Als die Regierung 2020 erneut versuchte, das Recht auf Abtreibung einzuschränken, gingen wieder Hundertausende Menschen auf die Straße. Bei den Parlamentswahlen 2023 verlor die PiS schließlich ihre Regierungsmacht – vor allem Frauen hatten gegen die Partei gestimmt.

Konflikte mit der Polizei

Mehrfach geriet Klementyna Suchanow mit der Polizei in Konflikt: 2018 bewarf die Aktivistin Limousinen des Präsidentenpalasts mit Eiern, woraufhin die Agentur für Innere Sicherheit ihr Haus durchsuchte. Ebenfalls 2018 besprühte sie die Wand des „Sejm“ – eine der beiden Kammern des polnischen Parlaments – mit dem Spruch „Zeit für ein endgültiges Urteil. Fuck off“. Sie wurde daraufhin von der Polizei festgenommen.

2020 wurde sie erneut festgenommen, nachdem sie während eines Protests vor dem polnischen Verfassungsgericht über den Zaun gesprungen war.

Familiengeschichte und Tochter sind ihre Motivation

Die Motivation, sich gegen das verschärfte Abtreibungsrecht und für Frauenrechte starkzumachen, zog Klementyna Suchanow aus ihrem privaten Umfeld. Sie ist Mutter einer Tochter; die Pläne der Regierung hätten ihr Leben „zur Hölle“ gemacht, wie Klementyna Suchanow erklärte.

Auch ihre Familiengeschichte dürfte Antrieb für ihr Engagement gewesen sein: Ihre Großmutter wurde von den Nationalsozialisten verschleppt und zur Zwangsarbeit verpflichtet; ihr Großvater setzte sich für ein freies Polen ein; und ihr Vater war zweieinhalb Jahre in Haft, weil er auf ein Porträt des sozialistischen Generals Wojciech Jaruselski ein Hitlerbärtchen gezeichnet hatte. Widerstand und der Einsatz für Menschenrechte scheinen ihr in die Wiege gelegt zu sein.

Auszeichnung mit „Polcul-Preis“ und „Dresdener Friedenspreis

Für ihre herausragenden Leistungen im Kampf für Frauenrechte wurde Klementyna Suchanow 2021 mit dem „Polcul-Preis“ ausgezeichnet, der seit 1980 von der „Stiftung für Unabhängige Polnische Kultur“ vergeben wird. 2021 durfte sie außerdem beim „Generation Equality Forum“ in Paris bei den Vereinten Nationen eine Rede halten.

2026 erhielt sie zudem den mit 10.000 Euro dotierten „Dresdener Friedenspreis“, der 2009 vom Verein „Friends of Dresden Deutschland“ ins Leben gerufen wurde und die besonderen Verdienste gegen Konflikte, Gewalt und Eskalationen ehrt. „Ich habe mich daran gewöhnt, unterdrückt und überwacht zu werden. Ausgezeichnet zu werden, ist etwas Neues“, sagte die Journalistin anlässlich der Preisverleihung in Dresden.

Feinde und Befürworter

Dass Klementyna Suchanow unterdrückt wird und Feinde hat, erkannte auch Peter Ufer, geschäftsführender Gesellschafter des Dresdener Friedenspreises. Er berichtete in einem MDR-Interview, dass strenggläubige Katholiken aus Österreich eine E-Mail geschrieben hätten, um die Verleihung des Preises an Klementyna Suchanow zu verhindern.

„Klementyna Suchanow brachte Hundertausende auf die Straße, um gegen den Abbau des Rechtstaats, für Meinungsfreiheit und gegen das faktische Abtreibungsverbot in Polen zu protestieren“, lobte Jean Asselborn, ehemaliger Außenminister von Luxemburg, in seiner Laudatio.

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