Persönlichkeit des Monats - April 2026

Rita Süssmuth: Engagierte Frauenrechtlerin im konservativen Umfeld

Es gibt viele Frauen, die es auf ganz unterschiedlichen Gebieten weit gebracht haben. Dazu brauchte es Durchhaltevermögen und Stärke. Frauen, die sich entgegen allen Widerständen in Politik, Kunst und Wirtschaft einen Namen gemacht haben, schaffen damit neue Tatsachen des Möglichen.

ADIUVA

01.04.2026 · 7 Min Lesezeit

Lebenslauf

Datum/JahrEreignis
17.02.1937       Geboren in Wuppertal
1956Abitur am Emsland-Gymnasium, Rheine
1956–1961Lehramtsstudium mit den Fächern Französisch, Geschichte und Pädagogik an den Universitäten in Münster, Tübingen und Paris
1961Erstes Staatsexamen in Französisch und Geschichte
1962–1966Wissenschaftliche Assistentin für Pädagogik an den Universitäten in Stuttgart und Osnabrück
1964Promotion an der Universität Münster
Heirat von Hans Süssmuth
1965–1966Lehrauftrag an der Pädagogischen Hochschule Westfalen-Lippe
1966–1968Dozentur an der Pädagogischen Hochschule Ruhr in Dortmund
1967Geburt einer Tochter
1969–1982Lehrauftrag an der Ruhr-Universität Bochum für international vergleichende Erziehungswissenschaften
1971Ernennung zur ordentlichen Professorin für Erziehungswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Ruhr
1971–1985Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Bundesministeriums für Familie
1979–1991Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken
1980Ernennung zur ordentlichen Professorin an der Ruhr-Universität Bochum
1981Eintritt in die CDU
1982–1985Direktorin des Instituts „Frau und Gesellschaft“ in Hannover
1983–1985Vorsitzende des Bundesfachausschusses für Familienpolitik in der CDU
1985Veröffentlichung von „Frauen – der Resignation keine Chance“
1985–1988Bundesministerin für Jugend Familie und Gesundheit (später Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit)
1987–1991Mitglied im Präsidium der CDU
1987–2002Mitglied des Deutschen Bundestages
1988Wahl zur „Frau des Jahres 1987“ durch den „Deutschen Staatsbürgerinnen-Verband“
Erhalt des „Bambi“
1988–1998Präsidentin des Deutschen Bundestages
1988–2015Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes
2000–2003Vizepräsidentin der Parlamentarischen Versammlung der OSZE
seit 2006Ehrenvorsitzende der AIDS-Stiftung
01.02.2026Gestorben in Neuss


Eigentlich wollte Rita Rüssmuth Lehrerin für Französisch und Geschichte werden, sie blieb dann aber an der Universität und wurde Professorin. Der spätere Ruf in die Politik kam für sie selbst überraschend. Doch sie nutzte die gebotene Chance und engagierte sich fortan auf der politischen Bühne für Frauenrechte. In ihrer eigenen Partei eckte sie zwar immer wieder an, doch Rita Süssmuth blieb ihrer eigenen Linie stets treu.

Zweites von fünf Kindern

Rita Süssmuth, geborene Kickuth, war das zweite von fünf Kindern der Familie Kickuth und wurde am 17. Februar 1937 in Wuppertal geboren. Mit ihren zwei Schwestern und zwei Brüdern wuchs sie in der münsterländischen Gemeinde Wadersloh auf.

Lehramtsstudium in Münster, Paris und Tübingen

1956 machte Rita Süssmuth ihr Abitur am Emsland-Gymnasium in Rheine und begann alsbald ihr Studium. Sie wollte Lehrerin werden und studierte Französisch, Geschichte und Pädagogik an der Universität Münster.

1958 ging sie für ein Studienjahr nach Paris und arbeitete als Au-pair-Mädchen in einer französischen Familie. Anschließend studierte sie zunächst in Tübingen weiter und kehrte schließlich an die Universität Münster zurück. 1961 legte sie dort das erste Staatsexamen ab.

Karriere an der Hochschule

1964 schloss Rita Süssmuth ihre Dissertation ab und wurde an der Universität Münster promoviert. Ihre Doktorarbeit trägt den Titel „Studien zur Anthropologie des Kindes in der französischen Literatur der Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung François Mauriacs“.

Auf dem Weg in die Professur

Nach ihrer Promotion erhielt Rita Süssmuth einen Lehrauftrag an der Pädagogischen Hochschule Westfalen-Lippe. Dort war sie von 1965 bis 1966 tätig. Anschließend arbeitete sie bis 1968 als Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Ruhr in Dortmund.

Zwischen 1969 und 1982 lehrte sie an der Ruhr-Universität Bochum am Institut für Erziehungswissenschaften. 1971 wurde sie zudem zur ordentlichen Professorin für Erziehungswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Ruhr ernannt und 1980 ebenso an der Ruhr-Universität Bochum.

Erste Berührungspunkte mit der Familienpolitik

1982 wurde Rita Süssmuth sie zur Direktorin des Forschungsinstituts „Frau und Gesellschaft“ in Hannover ernannt und blieb dies bis 1985. Im Jahr 1983 übernahm Rita Süssmuth den Vorsitz des Bundesfachausschusses für Familienpolitik in der CDU und hielt diesen ebenfalls bis 1985 inne.

Erfolgreicher Quereinstieg in die Bundespolitik

Das Jahr 1985 stellt zudem einen Wendepunkt in ihrer beruflichen Karriere dar: Bei den Vorbereitungen zum Bundesparteitag der CDU lernte sie Heiner Geißler, den damaligen CDU-Generalsekretär und Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit, kennen. Als dieser wenig später als Bundesminister zurücktrat, empfahl er dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl Rita Süssmuth für dieses Amt.

Völlig überraschend – auch für Rita Süssmuth selbst – wurde sie 1985 zur Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit und gab ihre Hochschulkarriere auf. Rita Süssmuth eckte mit ihrem modernen Verständnis der Frauenrolle schnell im konservativen Umfeld ihrer eigenen Partei an.

„Es war großartig, dass ich mitwirken konnte“, erzählte sie in einem Interview. „Das gibt mir auch Mut, anderes zu sagen: macht es. Das ist kein Spaziergang. Aber wer auf Übernahme von Verantwortung, auf Macht verzichtet, der überlässt die Macht den Machthabern.“

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Als Ministerin setzte sich Rita Süssmuth für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein. „Menschen mit Kindern merken, dass man hierzulande ein Kunststück zu bewerkstelligen hat, um die Kinderbetreuung zu organisieren, von den Kosten ganz zu schweigen“, betonte sie auch viele Jahre später noch.

Ebenso machte sie sich für eine liberale Abtreibungspolitik und für eine Frauenquote in ihrer Partei stark

Widerstände in Partei und Medien

Doch Rita Süssmuth stieß auf Widerstände: So schlug sie vor, Gesetze geschlechtsneutral zu formulieren, Politik und auch Medien belächelten dies jedoch nur. Auch mit ihrem Anliegen einer Frauenquote kam sie in ihrer Partei nicht durch.

Die Feministin verfolgte die Vision, dass Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern bei der Kindererziehung, der Erwerbsarbeit und im Haushalt herrscht.

Vorsitzende der „Frauen-Union“

Neben ihrem Amt als Bundesministerin hatte Rita Süssmuth ab 1986 auch den Vorsitz der „Frauen-Union“ inne. Ab 1987 war sie zudem Mitglied im Präsidum der CDU und Mitglied des Deutschen Bundestages.

Ebenfalls im Jahr 1987 initiierte sie die Gründung der „Nationalen AIDS-Stiftung“ mit. Anders als ihre Kolleg*innen in der Union trat Rita Süssmuth der Ausgrenzung von HIV-Erkrankten entschieden entgegen und lehnte auch eine Meldepflicht für die Erkrankten vehement ab.

„Weggelobt“ ins Amt der Bundestagspräsidentin

1988 musste sie ihr Amt als Ministerin überraschend aufgeben. Bundeskanzler Helmut Kohl sah eine neue Rolle für sie für und schlug sie für das Amt der Präsidentin des Deutschen Bundestages vor. Eher widerstrebend folgte Rita Süssmuth; gemeinhin hieß es, sie sei „weggelobt“ worden, weil sie mit ihren politischen Überzeugungen zu sehr angeeckt war. „Es hat mich getroffen, aber ich musste damit leben“, sagte sie später.

Doch auch in ihrer neuen Rolle ging Rita Süssmuth auf und ließ es sich nicht nehmen, Stellung zu beziehen – auch gegen die Parteilinie.

Reform des Schwangerschaftsabbruch-Paragrafen

So sprach sie sich beispielsweise für eine Neufassung des Paragrafen zum Schwangerschaftsabbruch, § 218 Strafgesetzbuch, aus und machte sich für einen Kompromiss der bislang in der DDR geltenden Fristenlösung und der in der BRD gültigen Indikationslösung stark. Nach Letzterer durften Schwangerschaftsabbrüche nur bei medizinischer oder ethischer Notlage vorgenommen werden.

Mit Ära Kohl endete Zeit als Bundestagspräsidentin

1998 wurde die CDU-geführte Bundesregierung abgelöst, fortan regierten SPD und Grüne.

Rita Süssmuth blieb jedoch Mitglied des Deutschen Bundestages, sie zog über die Landesliste der CDU Niedersachsen ins Parlament ein.

Rita Süssmuth war nicht nur politisch aktiv, sondern übernahm etliche Ehrenämter. So war sie beispielsweise ab 1988 war Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes, ab 1994 Präsidentin der „europäischen Bewegung Deutschland“ und ab 1997 Vorsitzende des Kuratoriums der „McDonald’s Kinderhilfe Stiftung“. Zwischen 1999 und 2013 war sie des Weiteren Präsidentin der „Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde“.

Ausscheiden aus dem Bundestag

2002 schied sie aus dem Bundestag aus, sie hatte bei der Bundestagwahl nicht mehr kandidiert. Damit setzte sich die engagierte Frauenrechtlerin jedoch nicht zur Ruhe.

Sie bezog vor allem weiterhin politisch Stellung. In einem Interview mit dem Wochenzeitung „ DIE ZEIT“ forderte sie im Frühjahr 2025, dass das neue Kabinett unter Kanzler Friedrich Merz zur Hälfte mit Frauen besetzt wird: „Sonst müssen wir für alles Gesetze haben – aber hier brauchen wir keine? Da bin ich wirklich sehr ungehalten. Wir brauchen Frauen. Wir brauchen sie in ihrem Anderssein. Wir dürfen nicht mehr warten, warten, warten.“

Zahlreiche Auszeichnungen

Für ihr Engagement wurde Rita Süssmuth mehrfach ausgezeichnet. Bereits 1988 wurde sie vom „Deutschen Staatsbürgerinnen-Verband“ zur „Frau des Jahres 1987“ gewählt, im selben Jahr erhielt sie den „Bambi“. 1989 wurde sie mit der „Leibniz-Medaille“ der „Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz“ geehrt, 1990 erhielt sie das „Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“.

1997 verlieh ihr die UNESCO die „Avicenna-Gold-Medaille“, 1997 erhielt sie den „Frankfurter Walter-Dirks-Preis“. Das „Schwulen Netzwerk NRW“ zeichnete sie 2004 mit der „Kompassnadel“ aus.

Weitere Auszeichnungen sind unter anderem die „Niedersächsische Landesmedaille“ (2007), der „Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen“ (2011), die Ehrenmitgliedschaft der „Deutschen AIDS-Hilfe“ (2016), der „Verdienstorden des Landes Brandenburg“ (2016), der „Ehrenring des Rheinlandes“ (2019) und die Ernennung zur Ehrenbürgerin ihrer Heimatstadt Neuss (2022).

Gestorben an Brustkrebs

2020 starb ihr Ehemann Hans. 2024 machte Rita Süssmuth ihre Brustkrebserkrankung öffentlich. Dieser erlag sie am 1. Februar 2026 in Neuss. Sie hinterlässt ihre Tochter Claudia und fünf Enkelkinder.

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