Persönlichkeit des Monats – Juni 2026

Maria von Linden: Pionierin des Frauenstudiums und erste Professorin Deutschlands

Es gibt viele Frauen, die es auf ganz unterschiedlichen Gebieten weit gebracht haben. Dazu brauchte es Durchhaltevermögen und Stärke. Frauen, die sich entgegen allen Widerständen in Politik, Kunst und Wirtschaft einen Namen gemacht haben, schaffen damit neue Tatsachen des Möglichen.

ADIUVA

01.06.2026 · 7 Min Lesezeit

Lebenslauf

Datum/JahrEreignis
18.07.1869    Geboren in Schloss Burgberg, Kreis Heidenheim
1891Abitur am Stuttgarter Realgymnasium
1895Abschluss ihrer Dissertation und Erhalt des Titels „Scientiae Naturalis Doctor“
1896/1897Assistentin am Zoologischen Institut der Universität Halle/Saale
1900Verleihung des „Da-Gama-Machado-Preises“ der französischen Akademie der Wissenschaften
1902Mitglied der „Leopoldina“
1906-1908Assistentin am Anatomischen Institut der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn
1908-1933Leiterin der neugegründeten Parasitologischen Abteilung des Hygienischen Instituts an der Universität Bonn
1910Erhalt des Titels „Professor“
1933Zwangspensionierung durch die Nationalsozialisten
Emigration nach Liechtenstein
26.08.1936Gestorben in Schaan, Liechtenstein


Maria von Linden studierte an der Universität Tübingen, promovierte zur Doktorin der Naturwissenschaften und erhielt einen Professorentitel – und das alles zu einer Zeit, in der Frauen in Deutschland noch gar nicht regulär zum Studium zugelassen waren. Deshalb gilt Maria von Linden als eine der Pionierinnen des Frauenstudiums in Deutschland.

Abstammung aus Adelsgeschlecht

Am 18. Juli 1869 erblickte Maria von Linden auf Gut Burgberg im Kreis Heidenheim an der Ostalb das Licht der Welt. Ihr vollständiger Name lautete Maria Anna Wilhelmine Luise Karoline Elise Kamilla Olga Amalie Pauline Gräfin von Linden. Sie war die Tochter von Eugenie von Linden, geborene Freiin Hiller von Gärtringen, und des Grafen Edmund von Linden. Sie erhielt zunächst Privatunterricht. Ab 1883 besuchte Maria von Linden das „Victoria Pensionat“ und die dazugehörige Töchterschule in Karlsruhe. 1887 schloss sie die Schule ab.

Größter Wunsch: „Wissen erwerben, Wissen schaffen“

Maria von Linden wollte gerne studieren: „Außer der Heimat und außer meinen Eltern gab es nun für mich noch ein Drittes, die Arbeit, um Wissen zu erwerben, vielleicht, um Wissen zu schaffen, und dieses Dritte war so mächtig, so unwiderstehlich, dass ich ihm alles andere zu opfern bereit war“, schrieb sie in ihrem Buch „Erinnerungen“.

Um studieren zu können, brauchte Maria von Linden zunächst die Hochschulreife. Diese hatte sie an der Töchterschule nicht erlangen können – dies war damals an dieser Schulform einfach nicht möglich. Deshalb bereitete sie sich selbstständig vor, bildete sich weiter und vertiefte insbesondere in den Fächern Mathematik und Latein ihr Wissen.

Geld fürs Studium verdient

Sie unternahm auch geologische Exkursionen im Umfeld des Schlosses Burgberg, immer in Begleitung der Haushälterin. „Stundenweit schleppten wir die schwersten Rucksäcke voll Steine herbei, und jede von uns war mit einem Geologenhammer bewaffnet, der uns gleichzeitig im Bedürfnisfall zur Abwehr dienen konnte“, schilderte sie in ihren „Erinnerungen“.

Bei einem Besuch einer Freundin in Österreich lernte sie einige Wissenschaftler kennen und trat in die „Wiener Anthropologische Gesellschaft“ ein. So war es ihr möglich, mit anderen Mineraliensammler*innen zu handeln; zudem veröffentlichte sie in verschiedenen Fachzeitschriften Artikel, übernahm für ihren Vater Verwaltungstätigkeiten, verkaufte Heilkräuter an Apotheken, half bei Ernten und verkaufte Briefmarken. Auf diese Weise verdiente sie Geld, das sie für ihr Studium sparte.

Großonkel half bei Zulassung zum Abitur und Studium

Ihr Vater war entschieden dagegen, dass seine Tochter studierte. Einzig ihr Großonkel Josef Freiherr von Linden, der zeitweilig Außenminister von Württemberg war, unterstütze sie in ihrem Wunsch und versprach ihr auch finanzielle Zuschüsse. Mit seiner Hilfe gelang es ihr schließlich auch, als Externe für die Abiturprüfung am Realgymnasium in Stuttgart zugelassen zu werden.

1891 legte Maria von Linden in Stuttgart ihr Abitur ab. Ihr Großonkel erwirkte vom württembergischen König zudem eine Sondererlaubnis, die ihr ein Studium gestattete. Mit dieser bewarb sie sich an der Universität Tübingen; jedoch musste noch der Senat der Universität zustimmen: Zehn von achtzehn Senatsmitgliedern sprachen sich für ihre „ausnahmsweise Zulassung“ aus, die Vollimmatrikulation wurde ihr jedoch verweigert.

Erste Studentin an der Universität Tübingen

So wurde Maria von Linden als „außerordentliche Studentin“ nur als Zuhörerin in den Vorlesungen geduldet. Ab dem Wintersemester 1892 belegte Maria von Linden die Fächer Zoologie, Mineralogie, Physik und Mathematik an der Universität Tübingen und war die erste Frau, die dort studieren durfte.

Als Wegbereiterin für andere Frauen sah Maria von Linden sich jedoch nicht. Sie war zwar mit der Frauenrechtlerin Mathilde Weber befreundet, engagierte sich selbst aber nicht in der Frauenbewegung. Ihr Interesse galt allein der Wissenschaft. Dies wurde ihr von vielen Feministinnen zum Vorwurf gemacht, zumal sie sich auch eher männlich kleidete und einen freundschaftlichen Umgang mit ihren Kommilitonen pflegte.

„Ich, die ich doch so lange auf meine Bubwerdung gewartet hatte, eben doch stark zur Verkörperung des ‚dritten Geschlechts‘ neigte. Ich trug Jackenkleider mit steifem Kragen, Männerhüte, Schuhe, die in ihrer Massivität, Form und Größe ebenfalls an das Männliche grenzten“, schrieb sie in „Erinnerungen“.

Schlagfertiger Umgang mit Professor

Unterwürfig verhielt sich Maria von Linden ihren Professoren und Kommilitonen gegenüber aber nicht. In einer Vorlesung fragte ihr Dozent Theodor Eimer sie einmal spitz: „Nicht wahr, Gräfle, der Mensch ist aus Dreck geschaffen?“ Darauf antwortete sie schlagfertig: „Jawohl, Herr Professor, aber nur der Mann.“

An der Universität kam Maria von Linden gut zurecht und, ihre finanzielle Lage verschlechterte sich allerdings im Laufe der Jahre: Nachdem ihr Vater gestorben war, stritt die Familie um das Erbe, und ihr Großonkel gewährte ihr keine finanzielle Unterstützung mehr. Sie verdiente sich selbst etwas dazu und erhielt zudem ein Stipendium des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“; dies hatte ihr ihre Freundin Mathilde Weber vermittelt.

Erste Frau mit Doktortitel in Deutschland

1895 beendete Maria von Linden ihr Studium und erhielt als erste Frau in Deutschland den Titel „Scientiae Naturalis Doctor“. Im Wintersemester 1896/1897 arbeitete sie als Assistentin am zoologischen Institut der Universität Halle an der Saale.

Im Sommer 1899 wechselte Maria von Linden an die Universität Bonn; dort arbeitete sie zunächst als Assistentin am zoologischen und vergleichenden anatomischen Institut der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät und ab 1906 am Anatomischen Institut der medizinischen Fakultät.

Forschung zur Tuberkulose-Bekämpfung

1908 wurde sie an der Universität Bonn zur Abteilungsvorsteherin der neu gegründeten parasitologischen Abteilung am hygienischen Institut ernannt. Dort widmete sie sich vor allem der Forschung zur Tuberkulose-Bekämpfung und entdeckte die antiseptische Wirkung von Kupfer. Diese Erkenntnis wurde dann genutzt, um sterilen Wundverband herzustellen.

1910 erhielt Maria von Linden den Titel „Professor“ – erneut war sie die erste Frau in Deutschland, die diesen Titel tragen durfte. Allerdings war dies eine reine „Titularprofessur“, sprich: Lehren durfte Maria von Linden nicht. Ihr stand es lediglich zu, nach den Vorlesungen ihrer Kollegen mit den Studierenden Übungen durchzuführen.

Von der Universität Rostock erhielt sie 1914 das Angebot, Leiterin der bakteriologischen Abteilung am pathologischen Institut zu werden und dort zu habilitieren. Dieses Angebot lehnte Maria von Linden allerdings ab, da sie ihre parasitologische Abteilung in Bonn nicht im Stich lassen wollte.

Ehrungen, aber ungleiche Behandlung

Für ihre Verdienste als Wissenschaftlerin wurde Maria von Linden bereits 1900 von der französischen Akademie der Wissenschaften mit dem renommierten „Da-Gamo-Machado-Preis“ ausgezeichnet. Zwei Jahre später wurde sie zum Mitglied der „Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina“ gewählt.

An der Universität erlangte sie jedoch nie eine Stellung, die ihren männlichen Kollegen ebenbürtig gewesen wäre. Ihre parasitologische Abteilung war lange nicht im Staatshaushalt eingeplant, sodass es ihr an Platz und Geräten mangelte. Zudem konnte sie Hilfskräfte nur durch Zuschüsse einstellen.

Ihre Besoldung bleib ebenfalls weit unter der ihrer männlicher Kollegen. Erst 1920 erhielt sie eine Gehaltserhöhung, durch die sie ihren Lebensunterhalt allein bestreiten konnte. 1921 wurde sie verbeamtet, 1928 aber etatmäßig als Assistentin eingestuft – was mit einer finanzielle Schlechterstellung einherging.

Offene Ablehnung des Nationalsozialismus

Maria von Linden war eine entschiedene Gegnerin des Nationalsozialismus. Bereits nach dem Putschversuch Hitlers meinte sie zu ihrem Freund Wladimir Lindenberg, ein deutsch-russischer Neurologe: „Du wirst es erle­ben: Arbeiter, Bürger und Adelige werden diesem Schreihals nachlaufen und Hurra ru­fen. Das ist nicht zu verwundern: Jahrhundertelang waren die Menschen Gehorch­auto­ma­ten, wurden von den Fürsten als Söldner verschachert und zu Kanonenfutter missbraucht.“

Aus ihrer antisemitischen Haltung machte sie nie einen Hehl. Während all ihrer Jahre in Bonn hatte sie bei der Familie des 1894 verstorbenen jüdischen Physikers Heinrich Herzt gewohnt; dessen Frau Elisabeth und den beiden Töchtern war sie freundschaftlich verbunden. Sie erkannte früh, dass der Nationalsozialismus zur existentiellen Bedrohung für die Familie werden würde und unterstützte sie bei der Flucht: 1935 emigrierte Mathilde Hertz nach England, ihre Mutter und ihre Schwester folgten ihr 1936.

Emigration nach Liechtenstein

Maria von Linden geriet auch als Wissenschaftlerin in das Fadenkreuz der Nationalsozialist*innen: Bereits 1933 wurde sie zwangspensioniert – eine Frau als Beamtin passte nicht in das Weltbild der Nazis. Sie zog noch im selben Jahr nach Schaan in Liechtenstein.

Dort starb Maria von Linden am 26. August 1936 an einer Lungenentzündung.

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